Lieferando & Wolt: Subunternehmen schaffen laut Anwalt „beinahe sklavenartige Systeme“ für Fahrer
Die großen Essenslieferdienste Lieferando und Wolt umgehen systematisch Arbeitsstandards und schaffen durch Subunternehmen prekäre, entrechtete Arbeitsverhältnisse. Der Arbeitsrechtler Martin Bechert, der selbst Kurierfahrer vor Gericht vertritt, spricht von einem „brutalen Manchesterkapitalismus“, der die Rechte von Arbeitnehmern aushöhlt und zu „beinahe sklavenartigen Systemen“ führt. Die Plattformen stellen ihre Fahrer nicht mehr selbst ein, sondern lagern die Beschäftigung an Subunternehmen aus – ein Modell, das die Tür für massive Verstöße öffnet.
In diesen Subunternehmen haben Fahrer oft überhaupt keinen regulären Arbeitsvertrag oder müssen mehrere hundert Euro zahlen, um einen solchen zu erhalten. Die Praxis führt laut Bechert zu einer Kette von arbeitsrechtlichen Verstößen: ausbleibende Lohnzahlungen, fristlose Entlassungen ohne Begründung und die Verweigerung von Ansprüchen wie Elternzeit. Die Fahrer stehen damit rechtlich im Niemandsland, während die großen Plattformen die Verantwortung von sich weisen.
Die geplante EU-Plattformrichtlinie soll für bessere Arbeitsbedingungen sorgen, doch Bechert stellt die Wirksamkeit in Frage. Das Rennen um den schlechtesten Arbeitgeber in der Branche nimmt weiter an Fahrt auf, solange das Subunternehmen-Modell die Umgehung von Standards ermöglicht. Der Fall zeigt den systemischen Druck auf Arbeitsrechte in der Gig-Economy und die Schwierigkeit, Plattformen für die Bedingungen in ihrer Lieferkette rechtlich zur Verantwortung zu ziehen.