Mittlerer Korridor: EU und Russland ringen um die geopolitische Lebensader im Südkaukasus
Der Krieg im Iran bedroht die Hauptverkehrsadern zwischen Europa und Asien und katapultiert bisher vernachlässigte Routen in den Fokus der geopolitischen Machtkämpfe. Im Zentrum steht der sogenannte Mittlere Korridor, dessen neuralgische Engstelle durch den Südkaukasus verläuft. Hier verdichten sich bereits die Interessenkonflikte, wobei die Europäische Union und Russland als direkte Kontrahenten auftreten. Ein internes Papier der EU-Außenbeauftragten Katarina Kallas unterstreicht die akute Brisanz dieser Transitroute, die plötzlich zur strategischen Priorität wird.
Die Bedeutung des Korridors ergibt sich aus seiner geografischen Lage als Umgehungsstrecke für unsichere Regionen. Seine schmalste und verwundbarste Stelle liegt zwischen dem Schwarzen Meer und dem Kaspischen Meer, einem Raum, der traditionell im russischen Einflussbereich liegt. Die EU sieht hier nun die Chance, ihre Handels- und Energiesicherheit zu diversifizieren und gleichzeitig den Einfluss Moskaus in der Nachbarschaft zurückzudrängen. Das Kallas-Papier signalisiert, dass Brüssel bereit ist, in diese Zone aktiv einzugreifen, was unweigerlich zu Reibungen führt.
Die Aufwertung des Mittleren Korridors ist mehr als eine logistische Notlösung; sie ist ein Stellvertreterkonflikt um wirtschaftliche und politische Vorherrschaft in der eurasischen Peripherie. Der Wettbewerb um diese Lebensader betrifft unmittelbar die Anrainerstaaten wie Georgien und Aserbaidschan, die unter dem Druck der Großmächte stehen, sich zu positionieren. Für die globale Lieferkette bedeutet die Situation ein erhöhtes Risiko: Sollte sich der Konflikt verschärfen, könnte der letzte verbliebene stabile Landkorridor zwischen den Kontinenten ebenfalls unter Druck geraten und die Versorgungskrise vertiefen.