Deutsche Bahn unter Druck: Untersuchung zeigt systematische Abweichung bei Pünktlichkeitszahlen im Fernverkehr
Eine von Handelsblatt in Auftrag gegebene Datenanalyse durch den Spezialisten Railwise stellt die offiziellen Pünktlichkeitswerte der Deutschen Bahn im Fernverkehr grundlegend in Frage. Die Untersuchung ergab, dass die tatsächliche Verspätungsquote bei IC- und ICE-Verbindungen deutlich schlechter ausfällt als die von der Deutschen Bahn kommunizierten Zahlen. Damit droht dem Staatskonzern erheblicher Reputationsschaden – und möglicherweise auch regulatorischer Druck, da die Pünktlichkeitsstatistiken als wesentliche Leistungskennzahlen gegenüber Aufsichtsbehörden, Politik und Fahrgästen dienen.
Der Untersuchung zufolge werden Verspätungen in bestimmten Situationen anders erfasst oder kategorisiert, als es die tatsächliche Wartezeit für Passagiere widerspiegelt. Railwise wertete hierfür Betriebsdaten aus, die eine unabhängige Überprüfung der Bahn-eigenen Berechnungsmethodik ermöglichen sollen. Die Diskrepanz ist dabei nicht marginal: Die Analyse legt nahe, dass die Bahn regelmäßig bessere Werte meldet, als es die realen Betriebsabläufe rechtfertigen. Für den Konzern, der sich ohnehin in einem schwierigen Transformationsprozess befindet und massiver öffentlicher Kritik an Zuverlässigkeit und Infrastruktur ausgesetzt ist, kommt die Untersuchung zu einem heiklen Zeitpunkt.
Die Deutsche Bahn hat sich bislang nicht ausführlich zu den konkreten Vorwürfen geäußert. Sollte sich die methodische Abweichung bestätigen, könnte dies jedoch weitreichende Folgen haben – von einer Neuausrichtung der Transparenzstandards über mögliche Vertragsanpassungen mit Aufgabenträgern bis hin zu politischen Konsequenzen im Umgang mit der milliardenschweren Sanierungsoffensive. Experten fordern nun eine unabhängige Überprüfung der Erhebungsmethoden. Die Debatte über die Glaubwürdigkeit der Bahn-Statistik dürfte sowohl im Aufsichtsrat als auch im Bundestag weitere Kreise ziehen.